Buchvorstellung November

 

Sindermann 

Folge 3: Herr Sindermann empfiehlt: 

Platon, das BVerfG und die Liebe

Eines der berüchtigtsten und auch bekanntesten Stücke von Platon und der Literatur überhaupt fängt so an:

Platon Symposion 

 »Zuerst aber müsst ihr die menschliche Natur und ihre Leiden recht kennen lernen. Unsere frühere Natur war nämlich nicht dieselbe wie jetzt, sondern eine andere. Denn zuerst gab es drei Geschlechter der Menschen, nicht wie jetzt nur zwei, männliches und weibliches: sondern es gab noch ein drittes, welches das Gemeinschaftliche war von diesen beiden, dessen Name auch noch übrig ist, es selbst aber ist verschwunden. Mannweiblich nämlich war damals das eine, Gestalt und Benennung zusammengesetzt aus jenen beiden, dem Männlichen und Weiblichen; jetzt aber ist nichts mehr da außer der zum Schimpf gebrauchte Name.«

»Mannweiblich«, das heißt im Griechischen ἀνδρόγυνον [andrógynon]. Schüler haben bislang immer gelacht, wenn diese Textstelle kam, und in der Tat, auch 2500 Jahre nach Platon, diente die Bezeichnung – oder noch pejorativere – zum »Schimpf« und Spott. Ob sich das schnell oder langsam ändern wird, weiß man noch nicht, aber geändert hat sich das Faktum dahinter: Es ist nicht mehr »verschwunden«, sondern gleichsam wieder aufgetaucht. Es war eigentlich da, aber das kürzliche Urteil des BVerfG (Bundesverfassungerichtes), das viele Menschen brauchen, um etwas Vorhandenes anerkennen – und oftmals auch erst erkennen – zu können, wird grundlegende Veränderungen bringen.

Man könnte natürlich darüber spekulieren, ob der sog. »Kugelmythos«, den Platon erzählt, tatsächlich dieses dritte Geschlecht kannte und ihm mit diesem ins Wort gesetzten Denkmal zu mehr Anerkennung verhelfen wollte. Das weiß wohl niemand so genau. Mich jedenfalls hat das BVerfG-Urteil an diese Textstelle erinnert und an eine Lektüre, die jederzeit des Lesens wert und daher mein Lektüretipp ist.

Der Mythos steht in Platons Dialog Symposion. Das ist ein Trinkgelage, eine Party, zu der sich die Griechen hin und wieder getroffen haben. Sicherlich haben sie auch getrunken, sicherlich haben sie auch gelegen – daher der Name –, aber in diesem berühmtesten Symposion haben sie auch philosophiert, und zwar über die Liebe. Verschiedene berühmte Leute des Zirkels hatten eine Lobrede auf den Gott Eros, also auf die Liebe zu singen. Es ist ein einzigartiger Reigen aus bedenkens- und daher auch lesenswerten Ideen aus verschiedenen Perspektiven und in verschiedenen Stilen, der da geboten wird. Und dann kommt ein Lobredner namens Aristophanes, der diesen Mythos erzählt.

Dieser Mythos hat Schule gemacht. Er ist die Vorwegnahme dessen, was man später als »romantische Liebe« bezeichnen wird, als das, was jeder, der verliebt ist, fühlt, und als das, was viele zu allen Zeiten als einen wesentlichen Aspekt von Liebe erachten: als das Verlangen und Suchen nach der anderen Hälfte von mir selbst, die meine zweite, meine bessere, vielleicht gar beste Hälfte ist, die als mein Pendant erst ein Ganzes bildet, mich abrundet und als vollständig leben lässt.

Der Mythos ist, wie auch die »romantische Liebe«, oftmals als lieb- und blauäugig belächelt worden, als eine Geschichte über ein pures, realitätsfremdes Gefühl, das die Normalitäten und Alltäglichkeiten einer jeden Beziehung, die das Verliebtseinsgefühl überdauern möchte, missachtet.

Ich denke jedoch, dass der Mythos in dieser Weise in aller Regel falsch und ungenau gedeutet wurde. Auch – und vielleicht vor allem – die Übersetzungen treffen an entscheidender Stelle den Gehalt des Eros, der hier besungen wird, nicht. Denn – und darin zeigt sich die ganze Klasse der griechischen Sprache und dieses Stückes Weltliteratur – an der entscheidenden Stelle bringt der Text in wenigen Zeilen insgesamt vier verschiedene Bedeutungen von Liebe ins Spiel. Wo das Deutsche maximal die Begriffe »Liebe« und »Verliebtsein« differenziert, besingt Aristophanes den in seinen Augen wahren »Eros« – also die echte Liebe – als ein Zusammenspiel von »φιλίᾳ τε καὶ οἰκειότητι καὶ ἔρωτι«. Der beste Platonübersetzer, Friedrich Schleiermacher, übersetzt diese drei, durch ein zweimaliges »und« gleichgesetzte Begriffe etwa lapidar mit »freundschaftlicher Einigung und Liebe«. Aber das ist, wenn nicht falsch, dann doch gehaltlos.

Der erste Begriff, φιλία [philía], steht nämlich für eine Art »freundschaftliche Liebe«: eine Liebe wie unter besten Freunden, mit viel Vertrauen, immer einem offenen Ohr, Verständnis, Nachsicht, aber auch Kritikfähigkeit; der zweite Begriff, οἰκειότης [oikeiótäs], hat als Bestandteil »oikos«, das Haus – wie etwa Ökonomie oder Ökologie –, und meint eine Art heimische Liebe: eine Liebe der Vertraulichkeit, der Geborgenheit, der Sicherheit, der alltäglich-schönen Grundlagen; der dritte Begriff, ἔρως [éros], hat keineswegs eine rein sexuelle Bedeutung – diese bekommt wenige Zeilen später der Begriff »Aphrodísia« und wird explizit als primäres Liebesmotiv ausgeschlossen –, er steht eher für eine Attraktivität, die nicht nur auf die körperliche Schönheit bezogen ist, sondern sich auf all das beziehen kann, was ein Mensch am anderen attraktiv, reizend, liebreich oder eben erotisch finden kann: das kann der Stil, vulgo: Swag, sein, das Auftreten im Stehen und Gehen, die Stimme und Art der Wortwahl, Blicke und Gesten und vieles mehr, was den Charakter eines Menschen ausmacht.

Das alles zusammen ist der Eros, auf den Aristophanes sein Loblied singt. Es ist nicht das, was lexikonartig als »platonische Liebe« bezeichnet wird. Ich glaube jedoch, dass es die durchdachteste Form von Liebe ist, die Platon in seinen Werken präsentiert, und dass es auch diejenige ist, die er – oder Sokrates – favorisiert hat. Ob man sie und den Mythos rund um die Kugelwesen und das dritte Geschlecht als unseren Ursprung und unser Ziel als Liebende und als eine der besten Ideen zur Liebe favorisiert, das muss jeder selbst bedenken. Lesenswert sind diese wenige Seiten aber auch – und angesichts des BVerfG-Urteils vielleicht: gerade – heute noch.   (Sin 22.11.17)

 

 

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